Wolfsburger Chefarzt : „Corona kann auch das Herz angreifen“

Wolfsburg.  Aufgerüttelt hat der Fall des Eishockey-Profis, das Thema geht aber auch Freizeitsportler an, so Professor Becker, Kardiologe am Klinikum Wolfsburg.

Es gibt mehrere Fallberichte, wonach junge sportliche Menschen vier bis sechs Wochen nach einer Corona-Erstinfektion eine Herzmuskelentzündung bekommen haben – und da ist dann Sport absolut Gift. Also Vorsicht, wenn Beschwerden wie Müdigkeit oder Kurzatmigkeit nach der Erkrankung nicht abklingen. Auch Unregelmäßigkeiten bei den Gesundheitsdaten auf der Fitnessuhr können Hinweise darauf geben, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Es gibt mehrere Fallberichte, wonach junge sportliche Menschen vier bis sechs Wochen nach einer Corona-Erstinfektion eine Herzmuskelentzündung bekommen haben – und da ist dann Sport absolut Gift. Also Vorsicht, wenn Beschwerden wie Müdigkeit oder Kurzatmigkeit nach der Erkrankung nicht abklingen. Auch Unregelmäßigkeiten bei den Gesundheitsdaten auf der Fitnessuhr können Hinweise darauf geben, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Foto: Helge Landmann / regios24

Es ist so unberechenbar dieses Corona-Virus: Mancher wird positiv getestet, aber spürt gar nichts – oder kaum etwas. Manch anderer erlebt die Infektion wie eine schwere Grippe und leidet noch Monate später an den Folgen. Einige liegen wochenlang auf der Intensivstation, nicht selten wird es zu einem Ringen um Leben und Tod.

Eine Studie jagt die andere, und längst beschäftigen sich die Wissenschaftler nicht mehr allein mit der akuten Erkrankung, sondern auch mit den möglichen Langzeitfolgen von Covid-19. Und dabei geht es nicht nur um die Lunge, sondern das Virus kann auch andere Organe in Mitleidenschaft ziehen, zum Beispiel das Herz. Aufgerüttelt hat ganz aktuell der Fall des Wolfsburger Eishockey-Profis Janik Möser (25), der nach einer Corona-Infektion an einer Herzmuskelentzündung erkrankt ist.

Was bedeutet das für all diejenigen, die in ihrer Freizeit regelmäßig Sport betreiben? Sind auch nach milden Corona-Verläufen Verhaltensregeln zu beachten? Gibt es Warnsignale unseres Körpers, die einen erneuten Arztbesuch nötig machen? Darüber sprachen wir mit Professor Rüdiger Becker, Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Wolfsburg.

Herr Professor Becker, Corona und die Langzeitfolgen für unser Herz – gibt es da schon Erkenntnisse?

Das ist ein sehr komplexes Thema, denn wir wissen einfach noch nicht so viel, weil uns die Langzeitverläufe fehlen. Es gibt dazu gerade eine Riesenwelle von Veröffentlichungen, und einige kommen tatsächlich zu dem Ergebnis, dass bis zu 80 Prozent der Patienten noch mehrere Wochen bis Monate nach der Diagnose der COVID-Erkrankung Veränderungen am Herzen haben, die bei einer Kernspintomografie (MRT) zu sehen sind. Dabei muss man aber gleich einschränkend sagen, dass diese Patienten nicht alle hochgradig gefährdet sind – das wäre ja ganz schlimm – sondern dass es einfach ein weites Spektrum sein wird.

Das heißt, womit ist in diesem „weiten Spektrum“ zu rechnen?

Meine Vermutung ist, dass der Großteil der Patienten keine schweren Verläufe, also keine Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) entwickeln wird, sondern dass sich die Veränderungen mutmaßlich im Verlauf zurückbilden werden und es nicht zu einer eingeschränkten Pumpfunktion des Herzens kommt. Es wird aber sicher Einzelfälle geben, bei denen sich eine Herzmuskelschwäche entwickelt. Das sehen wir bei vielen Viruserkrankungen und wissen das auch von anderen, früheren Corona-Infektionen. Denn Corona-Viren sind ja nicht nur in Form von SARS-CoV-2 bekannt, sondern auch schon in anderen Varianten, z.B. MERS-CoV, aufgetreten. Virusinfekte gehen häufig mit einem Risiko einer Herzmuskelentzündung einher – und damit, insbesondere bei jüngeren Sportlern unter 35, auch einem Risiko für den plötzlichen Herztod durch eine bösartige Herzrhythmusstörung. Das gibt natürlich schon Anlass zur Beunruhigung.

Ist das neuartige „SARS-CoV-2“ auch in dieser Hinsicht besonders? Besonders gefährlich?

Im Moment sagen die Veröffentlichungen nur aus, dass man im MRT nach überstandener Infektion häufig entzündliche Veränderungen am Herzen sieht – und untersucht wurden in der Mehrzahl Patienten, die keine schweren Verläufe hatten. Welchen prognostischen Effekt das haben wird, wird sich erst in den nächsten Monaten herausstellen, wenn man Verlaufskontrollen gemacht hat. Aber es gibt tatsächlich – gerade auch in Deutschland – jetzt schon Fallberichte, wo junge sportlich aktive Menschen vier bis sechs Wochen nach der Erstinfektion mit Corona den Nachweis einer Herzmuskelentzündung bekommen haben, so ähnlich wie das bei dem Wolfsburger Eishockey-Spieler war.

Und sportlich aktive Menschen bewegen sich ja auch meist gern und möchten lieber heute als morgen nach einer Erkrankung wieder loslegen…

Genau das ist das Problem. Denn bei der Diagnose „akute Herzmuskelentzündung“ ist anders als bei vielen anderen Herzerkrankungen Sport eben nicht förderlich, sondern ganz im Gegenteil. Da gilt immer noch expertenweit die Empfehlung: absolute Schonung, drei bis sechs Monate kein Sport. Gerade im Profisport ist das natürlich sehr, sehr problematisch. Insofern sind ja auch die Verantwortlichen derzeit dabei, Richtlinien aufzustellen, welche medizinischen Maßnahmen zu ergreifen sind, wenn ein Sportler mit Covid-19 infiziert war.

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Wann empfehlen Sie einem Patienten nach überstandener Covid-Infektion erneut zum Arzt zu gehen?

Unbedingt, wenn Beschwerden wie Brustschmerzen auftreten oder eine ausgeprägte Luftnot auch nach Abheilen der Infektion anhält. Aber auch Symptome wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder Kurzatmigkeit sollten eigentlich zwei Wochen nach der Erkrankung abklingen.

Was erwartet einen dann beim Arzt?

Die Routineuntersuchung umfasst ein EKG und und einé Blutabnahme. Bei Verdacht auf Herzbeteiligung muss dann ein Herzecho, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, durchgeführt werden.

Und die Kernspintomografie, von der Sie vorhin sprachen, wann kommt diese Untersuchung zum Zuge?

Das ist ganz klar eine Einzelfall-Eintscheidung des Kardiologen. Das MRT zum Nachweis von Herzmuskelerkrankungen ist schon seit 20 Jahren etabliert und ist die beste Methode zur Feststellung einer Herzmuskelentzündung. Die Untersuchung dauert jedoch lange – bis zu einer Stunde –, ist teuer und nicht überall zeitnah verfügbar.

Wenn eine Herzmuskelentzündung ausgeheilt ist, ist man aber doch wieder gesund, oder?!

Wenn die Erkrankung ausgeheilt ist, ohne dass die Pumpfunktion eingeschränkt bleibt, dann kann man die Patienten als gesund bezeichnen. Das lässt sich vermutlich nach sechs Monaten – ohne Sport – beurteilen. Bei Covid-19 fehlen uns allerdings, wie gesagt, die Langzeitstudien.

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Hintergrundinformationen

Eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) ist ein akuter oder ein chronisch verlaufender Entzündungsprozess im Herzmuskel. Ihr geht oft ein grippaler Infekt durch Viren voraus. Die Symptome sind oft relativ unspezifisch (Brustschmerzen, Atemnot oder Herzrhythmusstörungen), oder es treten auch gar keine Beschwerden auf. Sie kann in jedem Alter und auch bei herzgesunden Menschen auftreten. In schweren Fällen kann sie eine Herzschwäche oder schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Dann besteht sogar die Gefahr eines plötzlichen Herztods.

B ei einer Herzschwäche kann das Herz nicht mehr genügend Blut in den Körper pumpen. Organe und Muskeln werden dann nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Die Kernspintomographie (MRT) ist ein bildgebendes Verfahren, das besonders schonend und für Muskeln, Gefäße oder Weichteile – und eben auch das Herz geeignet ist.

Nach dem Fall des Profi-Eishockeyspielers Janik Möser , der nach einer überstandenen Corona-Infektion eine Herzmuskelentzündung entwickelt hat, wurde auf Initiative des Wolfsburger Mannschaftsarztes Dr. Axel Gänsslen und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in der vergangenen Woche ein aktualisierter Algorithmus vorgestellt, der erläutert, welche medizinischen Maßnahmen die Klubs ergreifen sollen, wenn ein Spieler mit Covid-19 infiziert war.

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