Der Golf 8-Fluch: Softwareprobleme und kein Ende

Wolfsburg.  Trotz passabler Verkaufszahlen verspielt der einstige "Musterschüler" Volkswagens den Erfolg und das Image seiner Vorgänger.

Der Golf kommt zwar auf akzeptable Stückzahlen. Doch schon jetzt ist klar, dass VW mit dem Golf nicht an die Erfolge vorheriger Modelle heranreichen wird.

Der Golf kommt zwar auf akzeptable Stückzahlen. Doch schon jetzt ist klar, dass VW mit dem Golf nicht an die Erfolge vorheriger Modelle heranreichen wird.

Foto: Julian Stratenschulte/Picture alliance

Es ist nicht einmal ein Jahr her, da sorgte der verpatzte Anlauf des Golf 8 in Wolfsburg für einen Riesenkrach zwischen Betriebsrat und Management. Die Angelegenheit eskalierte, als die Vertrauenskörperleitung der IG Metall bei VW in einem offenen Brief massive Vorwürfe erhob. „Auch acht Monate nach dem Produktionsstart läuft es beim wichtigsten Auto am Standort Wolfsburg nicht rund: gefragte Motoren nicht verfügbar, Softwarefehler, Händlerkritik, die Stückzahlen ein Trauerspiel. Und an den Montagelinien setzen Führungskräfte die Kolleginnen und Kollegen immer mehr unter Druck“, hieß es damals in der Betriebsratszeitung Mitbestimmen. Dann kam Corona und sorgte für eine ganz neue Gefährdungslage. Nun allerdings holt das Thema Golf 8 die besorgten Belegschaften am Standort Wolfsburg erneut ein.

Der aktuelle Golf ist ein unausgereifter Zwitter

56.000 Fahrzeuge holt das Unternehmen in einer freiwilligen Aktion zurück in die Werkstätten, um Probleme beim Infotainment des Golf 8 zu beheben. Da rückt schnell wieder in den Hintergrund, dass das Unternehmen sich mit dem europaweiten Vorjahresabsatz von rund 320.000 Golf-Einheiten sehr zufrieden zeigte. Angesichts der extrem schwierigen Verhältnisse in Coronazeiten ist das ein passables Ergebnis. Doch die anfällige Software konterkariert diese Erfolgsmeldungen. Und der Zwist um den Golf ist so etwas wie ein Stellvertreterkrieg zwischen den Erfordernissen und Ansprüchen der alten Volkswagen-Kultur und der neuen Welt der Elektromobilität, die Volkswagen ja zu einem softwaregetriebenen Konzern transformieren soll. Der aktuelle Golf ist ein unausgereifter Zwitter: Er soll das Qualitätsversprechen seiner Vorgänger erfüllen und zugleich schon viel von dem bieten, wofür eigentlich die neuen Stromer der ID.-Familie stehen. Gelungen ist dieser Kompromiss nicht. Alles besser und richtig gut wird dann wohl erst die neunte Generation des Kompaktkönigs werden. Dann aber hat auch in Wolfsburg mit der Produktion des so genannten Aeroliners längst das Elektrozeitalter im Stammwerk Einzug gehalten.

Eklatante Probleme wurden verschwiegen

Imageschädliche Rückrufaktionen wie die aktuelle sind angesichts der gewaltigen Absatzschwankungen beim Golf alles andere als hilfreich. Schon im vergangenen Frühjahr brachte Betriebsratschef Bernd Osterloh das kardinale Problem auf den Punkt: "Der Golf ist der Stolz der Marke VW und eines der wichtigsten deutschen Industrieprodukte. Das Auto sichert zehntausende Arbeitsplätze in Wolfsburg und weit darüber hinaus. Darum ist der Betriebsrat entsetzt, wie nachlässig und schwach der Vorstand weit vor dem Anlauf das ganze Projekt aufgestellt hat. Die Beschäftigten in Produktion und Entwicklung tun alles, damit der Golf auf Stückzahl kommt.“ Aus dem Musterschüler Golf ist ein Nachsitzer geworden, der immer mal wieder zum Rapport antreten muss. Die harte öffentliche Kritik von Betriebsrat und Vertrauensleuten wurde damals intern als rufschädigend gewertet. Doch der Vorwurf ging ins Leere, denn über die eklatanten Probleme war bereits vorher in den Medien monatelang berichtet worden, ohne dass das Management sich klar dazu äußerte. Im Endeffekt führte der Zwist um den Golf-Anlauf dann sogar zu einer massiven Diskussion um Konzernchef Herbert Diess, die nur mühsam beigelegt werden konnte.

Saubere Softwarelösungen sind nun gefragt

Inzwischen ist die Situation eine andere als im Frühjahr. Der Golf kommt zwar auf akzeptable Stückzahlen. Doch schon jetzt ist klar, dass VW mit dem Golf nicht an die Erfolge vorheriger Modelle heranreichen wird. Saubere und verlässliche Lösungen für die Software und Elektronik werden die Wolfsburger dank ihrer kompetenten FE, IT und der neuen Car-Software-Organisation sicherlich finden (müssen). Der Golf allerdings, eine Ikone der deutschen Automobilwirtschaft, hat bereits einen schweren Imageschaden genommen. Und: An diesem Produkt wird sich noch so mancher Streit zwischen Betriebsrat und Management entzünden.

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