Alle Jahre wieder: Das große VW-Theater auf offener Bühne

Wolfsburg.  Warum kehrt keine Ruhe ein bei Volkswagen? Ein Grund: Der Konzernchef hat ein grundsätzliches Problem mit der Wolfsburger Mitbestimmung.

In vielen strategischen Punkten besteht Übereinstimmung zwischen Konzernlenker Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh. Doch immer wieder gibt es Streit um den Stellenwert der Mitbestimmung und die besondere Rolle der Arbeitnehmer.  Diese Grundsatzfrage belastet den gesamten Konzern.

In vielen strategischen Punkten besteht Übereinstimmung zwischen Konzernlenker Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh. Doch immer wieder gibt es Streit um den Stellenwert der Mitbestimmung und die besondere Rolle der Arbeitnehmer. Diese Grundsatzfrage belastet den gesamten Konzern.

Foto: Privat / Archiv

Man glaubt es kaum, aber Wolfsburg, diese doch eher nüchterne Stadt im ewigen Wandel und Werden, ist der ideale Schauplatz für großes Kino und erregende Theateraufführungen. Seit nunmehr 82 Jahren ist alles dabei, was als Stoff für große Dramen taugt: heroisches Ringen, Fleiß und Ausdauer, gröbste Gewinnsucht ebenso wie höchster Idealismus, Aufstiege, Abstürze, triumphale Erfolge, Ränkespiele und schnöder Verrat. Es gab und gibt jede Menge Haupt- und Nebenfiguren, deren charakterliche Zeichnung meistens eher grob ausfällt – um nicht zu sagen holzschnittartig.

Ein Lehrstück mit garantiertem Knalleffekt

Womit wir bei der Gegenwart angelangt sind – bei der aktuellen Aufführung der Serie: „Wolfsburg, Volkswagen und der Clash der Kulturen“. Es betreten die Bühne Bernd Osterloh und Herbert Diess. Hinter ihnen, in den dunklen Kulissen, warten die stimmgewaltigen Chöre auf ihre Auftritte. Die einen singen von Schalmeienklängen untermalt das Lied der Mitbestimmung, die anderen blasen und trommeln den Marsch des globalen Kapitalismus. Es könnte also leicht ein etwas sprödes Lehrstück im Brechtschen Sinne werden. Und tatsächlich könnte dabei ein schwer verdaulicher Mix aus Mackie Messer und Mutter Courage herauskommen. Aber Gott sei Dank sind wir ja in Wolfsburg. Und zwar im Jahr 2020. Und da ist sicher, dass die Längen des Stückes nur dazu dienen, den baldigen Knalleffekt besser vorzubereiten. Am Ende, so viel ist gewiss, wird einer der Helden von der Bühne getragen.

Da passt etwas prinzipiell nicht zusammen

Zurück in der Realität lässt sich nüchtern notieren: In Wolfsburg tobt mal wieder ein Machtkampf. Die Ausgangslage ist klar. Konzernvorstand Herbert Diess hat grundsätzliche Probleme mit der Mitbestimmung, wie sie bei Volkswagen praktiziert wird. Der Betriebsrat wiederum weiß um diese Grunddisposition des fähigen Managers. Da passt etwas prinzipiell nicht zusammen. Am Mittellandkanal tobt – mal wieder – der Kampf der Kulturen auf offener Bühne. Das ist natürlich nichts Neues. Allein Osterloh hat seit Übernahme des Chefpostens im Betriebsrat vor 15 Jahren bereits vier Konzernchefs erlebt. Die Zusammenarbeit verlief mal mehr, mal weniger ersprießlich. Drama war aber eigentlich immer, denn im Hintergrund agieren nicht nur mächtige Einflüsterer. Bei Volkswagen geht es immer auch um die Existenzen hunderttausender Mitarbeiter. Und wenn es mal längere Zeit harmonisch läuft – wie vor allem unter der grauen Eminenz Ferdinand Piech – dann drohen Ausschweifungen, Arroganz, Kumpanei und Verfettungen des Systems.

Diess und der Kampf gegen die Wolfsburger Verhältnisse

Herbert Diess ist anders. Er ist mit Sicherheit der hartnäckigste und cleverste Widersacher der sprichwörtlichen Wolfsburger Verhältnisse. Er war bislang stets klug genug, seine Karten nicht zu überreizen. Er ist sogar so klug, dass er die Strukturen des Riesenkonzerns in seinem Sinne verändert. Einiges an Kompetenz und Innovation wird schlicht dazugekauft oder in flotte Start-ups ausgelagert. Da besteht die Gefahr, dass der Betriebsrat irgendwann in die Röhre guckt.

Audi wird zur Neben-Konzernzentrale

Sein Meisterstück hat Diess mit der neuen Carsoftware-Organisation abgeliefert, an deren Sinn niemand zweifelt. Das ist wirklich ein Stück New Volkswagen – und zugleich ein potenzieller Trojaner für die Arbeitnehmervertreter. Man hat jetzt zwar eine Mitbestimmungslösung gefunden. Doch die Klientel bleibt schwierig für die gewerkschaftliche Basisarbeit. Und vielleicht noch gefährlicher ist der Fakt, dass Audi unter dem ehemaligen BMW-Manager Markus Duesmann die Gesamtverantwortung trägt. Aus der Problemmarke wird unter Diess eine Art Neben-Konzernzentrale.

Der Betriebsrat zieht mit, aber nur Diess wird gefeiert

Diess ist im Grunde auch ein großer Machtstratege. Seine Unternehmensstrategie ist ohnehin präzise, konsequent und stringent im Sinne eines kompletten Neustarts. Vom Gesamtbetriebsrat wird sie mitgetragen – Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Als Erneuerer wird indes vor allem in eher konservativen Zeitungen allein Diess gefeiert. Vor allem auch deshalb, weil er wie ein steter Tropfen den angeblich so harten und veränderungsresistenten Wolfsburger Beton zersetzt. Es liegt auf der Hand: Hier tobt ein Stellvertreterkrieg. Es geht darum, ob wirtschaftlicher Erfolg und der stetig wachsende Reichtum der Anteilseigner alles sind oder ob Teilhabe vieler am Erfolg sehr wohl möglich ist.

Heuern und Feuern als Herrschaftsprinzip

Seit geraumer Zeit aber geht der Konzernchef gerne mal aufs Ganze. Offenbar gibt es da eine in der Öffentlichkeit unbekannte Seite des Spitzenmanagers, die angesichts seines sonstigen Auftretens nur schwer zu ergründen ist. Beim Thema vorzeitige Vertragsverlängerung stellt er lieber einmal zu viel als zu wenig die Vertrauensfrage. Das ist überraschend unklug und unvorsichtig. Alles andere als schlüssig ist auch seine Personalpolitik, die im schlechtesten Sinne als Heuern und Feuern definiert werden muss. Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass Diess im Sinne der Menschenführung eher so denkt wie sein autoritärer Vor-Vorgänger Martin Winterkorn. Das konterkariert seine in der Tat rasanten Transformationserfolge.

Der Chef hat die Deutungshoheit

Dazu passt auch seine intensive Form der Kommunikation über das Social-Media-Format LinkedIn. Dort hat Diess die Deutungshoheit über so ziemlich alle Bereiche des Konzerns, testet Autos, empfiehlt ihm genehme Medienbeiträge oder berichtet von Treffen mit anderen Wirtschaftsmagnaten. Allerdings erzeugt das nur sehr bedingt Nahbarkeit. Man kann das Kalkül nicht übersehen. Wer würde Diess schon auf dessen Account widersprechen?

Eine tragfähige Unternehmenskultur wird nicht vorgelebt

Derzeit werden in Wolfsburg die Nebendarsteller geopfert. Dabei handelt es sich allerdings um gestandene Führungskräfte. Die faktische Leistung ist dabei offenbar kein Kriterium fürs Karriereende oder Aufstiege. Der Fall des gradlinigen Thomas Ulbrich ist dafür ebenso ein Beispiel wie der Abgang des honorigen und beliebten Jürgen Stackmann. Das Diess-Dilemma besteht darin, dass er die Unternehmenskultur von Volkswagen ablehnt, aber selbst keine eigene tragfähige anzubieten hat. Nicht nur seine erklärten Gegner haben das Gefühl, dass das Gerede über flache Hierarchien und agiles Arbeiten (und Denken) doch nur tönernes Erz bleiben.

Man mag das sehen, wie man will. Aber Volkswagen ist historisch bedingt ein ganz besonderer Konzern mit einer speziellen gesellschaftlichen Verantwortung. Da Diess just diesen Umstand nicht akzeptieren will oder kann, wird er in Wolfsburg letztlich wohl scheitern müssen. Oder Volkswagen bleibt nicht so, wie man es kennt.

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